Meine ersten Erfahrungen mit iOS: Anständig, aber keine Liebe auf den ersten Tipp

Geschrieben von Steffen Schultz 1 Kommentar
Kategorisiert in : Software Schlüsselwörter : A11Y, Android, iOS

Mein Einstieg in die Welt der zeitgemäßen mobilen Betriebssysteme war im Jahr 2016 zunächst mit einem Medion-Tablet, danach mit einem Motorola Moto G4 Plus, also ein mittelklassiges Android-Gerät, das mittlerweile durch ein leistungsfähigeres Moto G7 Plus abgelöst wurde. Die Vor- und Nachteile von Android und iOS, insbesondere bei der Nutzung durch blinde Anwender, waren mir damals bereits bekannt. Trotzdem stand für mich als Open-Source-Fan und Freund unbegrenzter Möglichkeiten fest, dass ich mich niemals mit iOS würde anfreunden können. Dennoch hatte ich mir vorgenommen, auch Apples Betriebssystem irgendwann mal etwas näher kennenzulernen, sobald sich eine (preis)günstige Gelegenheit ergab. Kürzlich überließ mir dann eine gute Bekannte einen alten iPod 6, der mit iOS 12 sogar noch halbwegs aktuelle Software mitbrachte und als Testgerät völlig ausreichen sollte. Der Einstieg in die Oberfläche gelang mir recht leicht, jedoch mit Fallstricken, die ich von Android her nicht kannte. Nach zwei Wochen wird es mal Zeit für einen ersten, kurzen Erfahrungsbericht.

Eine vormöblierte Wohnung ist nicht jedermanns Geschmack

Die Einrichtung des Gerätes war erwartungsgemäß einfach, und wie bei Apple gewohnt auch ohne sehende Hilfe möglich. Die Apple-ID hatte ich mir jedoch schon zuvor am Windows-Rechner erstellt, worüber ich beim Umgang mit der eher ungewohnten iOS-Tastatur auch froh war. Zwar ist der Wechsel zwischen Buchstaben, Zahlen und Symbolen auch bei Android eine mitunter zeitraubende Angelegenheit, doch kann ich bei Android die Tastatur immerhin so konfigurieren, dass wenigstens eine Zahlenreihe über den Buchstaben eingeblendet wird. Bei iOS habe ich eine solche Option nicht finden können, sodass besonders die Eingabe von Kennwörtern zur Geduldsprobe werden kann.

Die Orientierung auf der Oberfläche des Gerätes war für mich kein größeres Problem, da die grundlegenden Gesten sich nicht von denen bei Android unterscheiden. Doch auch hier stellte ich schnell fest, dass einiges ganz anders organisiert ist. Während man bei vielen Android-Geräten nach der Einrichtung zunächst mit einem fast leeren Startbildschirm begrüßt wird, der nur einige Google-Dienste und einen Button für die komplette App-Liste enthält, bekommt man bei iOS ein quasi fertig möbliertes Haus vorgesetzt. Eine alphabetisch sortierte App-Liste gibt es nicht, stattdessen verteilen sich sämtliche Apps über verschiedene Bildschirmseiten. Es bleibt dem Nutzer überlassen, die vorinstallierten Apps nach Wichtigkeit zu verteilen oder in Ordner einzusortieren. Auch sogenannte Widgets, also kleine Apps für den Startbildschirm, sind unter iOS verfügbar. Jedoch beschränken sich diese auf die allererste Bildschirmseite, die zudem nicht standardmäßig eingeblendet ist. Bei vielen Android-Launchern können hingegen Symbole und Widgets beliebig angeordnet und auf verschiedenen Bildschirmseiten miteinander gemischt werden.

Der nächste, ungewohnte Anblick waren die iOS-Einstellungen. Hier finden sich nicht nur die allgemeinen Geräte- und Kontooptionen, sondern auch die Einstellungen sämtlicher Apps. Im Fall der Apple-Dienste beinhaltet dies jedoch nicht nur die auch bei Android üblichen Einstellungen für Zugriffsrechte und Mitteilungen, sondern auch die eigentlichen App-Einstellungen. Möchte man also beispielsweise die Einstellungen für Sprach-Memos ändern, sind diese nicht etwa innerhalb der App zu finden, sondern als Unterpunkt in den iOS-Einstellungen. Andere Apps funktionieren hingegen klassisch, indem sie innerhalb der App ihre Einstellungen mitbringen, iOS-spezifische Einstellungen dann aber woanders zu suchen sind. Die Verwirrung ist also perfekt. Zudem wirkt iOS auf mich hier ziemlich unaufgeräumt, was das Suchen der gewünschten Option auch nicht eben einfacher macht. Bei Android sind sämtliche Einstellungen in Themengebiete unterteilt, was zwar mitunter für mehr Verschachtelung sorgt, aber einen wesentlich aufgeräumteren Eindruck macht.

Ein durchdachter Bildschirmleser ist nichts für Wurschtfinger

Abgesehen von diesen Einstiegshürden macht iOS jedoch einen guten Eindruck und lässt mich schnell verstehen, warum blinde Nutzer trotz der Fortschritte bei Android immer noch zum teureren Apple-Gerät greifen. Das Zusammenspiel zwischen Bildschirmleser und Betriebssystem wirkt durchdacht, Gesten und Funktionen sind wesentlich vielfältiger als bei Android. Besonders die konfigurierbare Rotor-Steuerung des VoiceOver-Bildschirmlesers bietet kontextabhängige Möglichkeiten in Apps und auf Webseiten, die man unter Android bestenfalls nur rudimentär zur Verfügung hat. Allerdings ist durch die Vielfalt der Gesten auch die Lernkurve etwas höher. Kombinationen mit bis zu vier Fingern kommen im Einfach-, Doppel-, ja sogar bis hin zum Vierfachtipp zum Einsatz, um bestimmte Funktionen auszulösen. Wohl dem, der einen großen Bildschirm und ein gutes Gedächtnis hat, um sich all die vielen Gesten einzuprägen, von denen man natürlich nicht jede ständig benötigt, aber wenn sie dann mal gebraucht wird, geht das Rätselraten los. Hier hat Androids TalkBack-Bildschirmleser definitiv die Nase vorn, da er zum einen die meisten Funktionen auch in Kontextmenüs bereitstellt, sollte man mal eine Geste vergessen haben. Zum anderen lässt sich in TalkBack eine Liste sämtlicher Gesten aufrufen, während VoiceOver lediglich einen Lernmodus anbietet, um auf gut Glück alles auszuprobieren. Erst in iOS 13 ist es offenbar möglich, die eingestellten Gesten einzusehen und zu konfigurieren.

Ein erstes Fazit

Zum einen freue ich mich über ein Gerät zum Ausprobieren von Apps und Diensten, die es unter Android nicht gibt oder die für blinde Nutzer unzugänglich sind. Andererseits musste ich aber feststellen, dass ich mich inzwischen so an Android gewöhnt habe, dass mir iOS stellenweise sehr fremd vorkommt. Ein Aha-Erlebnis, wie gut denn alles bei Apple funktioniert, wollte sich kaum einstellen, auch wenn mir die Vorteile von iOS durchaus bewusst geworden sind. Apples mobiles Betriebssystem ist eine runde Sache, die einen reibungslosen Arbeitsablauf garantieren mag, ansonsten aber nur wenige Freiheiten bietet. Android hingegen mag zwar immer noch seine Ecken und Kanten haben, an denen sich ungeübte Finger vielleicht die Nägel brechen können, doch die Freiheit, mit meinen Dateien, Apps und Daten das anzustellen, was ich für richtig halte, ist für mich der wahre Luxus, den man in Zeiten von "Software as a service" kaum noch findet. Auch Android kommt natürlich inzwischen längst nicht mehr so offen daher, und Google ist im Gegensatz zu Apple wohl der bösere Bube in Sachen Datenschutz, die Freiheiten sind unter Android aber immer noch vielfältiger als bei iOS. Einen Umstieg kann ich daher auf absehbare Zeit für mich ausschließen.

Ein wirklich produktiver Einsatz von iOS wird mir daher natürlich kaum gelingen. Derzeit dient mir der iPod überwiegend als Wecker und Internetradio, womit ich nur einen Bruchteil dessen beurteilen kann, was iOS zu bieten hat. Wie sich Messenger, soziale Netzwerke und Hilfsmittel-Apps im Alltag schlagen, ließe sich wohl nur mit einem ausgewachsenen iPhone richtig ergründen. Mir ging es zunächst einmal um die allgemeine Nutzererfahrung, und natürlich auch ein bisschen darum, ob die allseits zu hörenden Apple-Lobpreisungen denn tatsächlich so gerechtfertigt sind. Am Ende ist es natürlich eine Sache der Gewohnheit und persönlicher Ansprüche, ein gut oder schlecht gibt es da kaum. Als Android-Nutzer einmal den Weg auf iOS zu wagen ist allemal eine interessante Erfahrung, die ich gern gemacht habe.

Über den Autor

Steffen Schultz, ein lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Ich bin auf den Betriebssystemen Windows, Linux und Android unterwegs und berichte u. a. über meine Erfahrungen beim Nutzen von Anwendungen mit Zugangstechnologien für Blinde.

1 Kommentar

#1  - Eric sagte :

Einmal mehr mit IOS befasst, konnte ich als hauptsächlicher Android-Nutzer unter IOS schneller tippen, als unter Android. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit einem Finger über die Tastatur wischen kann, bis ich das Zeichen gefunden habe. Danach tippe ich mit einen weiteren Finger auf eine bilibige Stelle des Bildschirm (der erste Finger muss sich dabei auf entsprechendem Zeichen befinden).

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